Vorgeschichte

«Von klein an musste ich kämpfen. Zuerst gegen meine Mutter, später um meine Existenz. (Ich musste über 50 Jahre alt werden, bis sich mit Hilfe einer Psychiaterin, nach mühsamer Kleinarbeit, herausstellte, dass meine Mutter zu 90% schizophren war.) Der Beweis ist offensichtlich, da mein Sohn ebenfalls schizophren ist. – Im Nachhinein bestätigten alle meine Nachbarn, dass meine Mutter mich oft, d.h. täglich geschlagen hatte, und dass sie es bedauerte. Alle wussten es, aber niemand unternahm etwas. Mein Vater überliess im Vertrauen die Erziehung der Mutter, weil er beruflich oft unterwegs war. Der Psychoterror mit ihr war unerträglich, und wie so oft endeten die verbalen Demütigungen in Schläge. Aber da ich heute um ihre Krankheit weiss, bin ich ihr nicht mehr böse. Mein Hass hat sich im Laufe der Zeit gelegt und einer erschreckenden Leere Platz gemacht.

Ich begann schon sehr früh, mich aus der Welt meiner Mutter zu verabschieden, indem ich ganz bewusst Leute suchte, die total anders waren. ln Bern lernte ich Drögeler, Rocker und Studenten kennen. Sie alle duldeten mich so, wie ich eben war. Ich machte meine Experimente mit LSD und Meskalin. Aber ich war und blieb Einzelkonsument und hatte daher auch nie Probleme mit der Polizei. Als meine Eltern mich nicht mehr beeinflussen konnten, nahmen sie sich einen Jugendanwalt (Hr. Aellig aus Spiez) zu Hilfe. Der verfrachtete mich zuerst in zwei Heime und dann in eine Pflegefamilie. Aber immer wieder kehrte ich nach Hause zurück.

Dann wurde ich mit 15 Jahren von einem Autostopper vergewaltigt und von diesem einen Mal wurde ich schwanger. Am schlimmsten waren die Arztbesuche im Frauenspital in Bern, wo ich mich vor angehenden Studenten untersuchen lassen musste. Das Kind wurde schweren Herzens abgetrieben, weil ich unter keinen Umständen wollte, dass es von meiner kranken Mutter aufgezogen würde und den gleichen Leidensweg wie ich erdulden musste.

Dann kam der Tag X

Wegen einer Lappalie schlug ich meine Mutter gottsjämmerlich zusammen. Sie avisierte natürlich die Polizei, die mich im Streifenwagen direkt in die Klinik Münsingen BE fuhr. Dort brauchten sie zwei Monate vier Tage und ein paar Stunden, bis sie herausfanden, dass ich der falsche Patient war (Bestätigung vom damaligen Prof. Dr.Wyss).

Ich war 19 Jahre alt, als der Jugendanwalt mich zu einem Jahr Hindelbank verdonnerte.
Damals wurde gerade eine ‹neue Jugendabteilung› eröffnet. Bis zu meiner Abreise musste ich ins Schloss Thun. An einen Polizisten gefesselt musste ich durch die ganze Stadt mit ihm gehen. Gleich bei meinem Eintritt dort wurde mir nach einer Leibesdurchsuchung meine Anstaltskleidung übergeben. Meine Zellennummer war die 98. Diese Nummer mussten wir auf unsere gesamte Wäsche sticken.

Als Einzelgängerin hatte ich jede erdenklichen Demütigungen von Seiten der Insassinnen zu ertragen. Es war Horror, da es keine Ausweichmöglichkeiten gab, ausser der Zelle. Wir mussten mit den anderen straffälligen Frauen zusammen sein. Weil wir in unseren Abteilung das gleiche Essen wie das der Angestellten bekamen, waren wir ein wenig besser gestellt, als die anderen, was verständlicherweise Anlass zu weiteren Schikanen führte. Ich wurde in die Näherei eingeteilt, wo ich mit einer Mörderin zusammen arbeitete. Als dann ein Massenausbruch geplant wurde, war ich aus Solidarität zu den Mitinsassen auch dabei. Ich wurde noch auf dem Gelände gestellt und sofort ins Gascho gesteckt. Dieses Loch bestand nur aus einer Matratze. Es gab kein Licht. Über ein Mikrofon wurde ich gezwungen, den Aufenthalt der anderen Flüchtigen zu verraten, ansonsten würden sie Tränengas in das Loch fliessen lassen. Ich hatte, wie immer, keine Wahl. Drei volle Tage musste ich dort ausharren. Auch eine Schwangere musste ins Gascho.

Irgendetwas ging in dieser Zeit in mir kaputt. Als der Tag der Entlassung nahte, wurde mir kurz mitgeteilt, dass sich diese aus bürokratischen Gründen um mehr als einen Monat verzögern würde. Danach zog ich in eine fremde Stadt, um mein künftiges Leben zu suchen.

Bis heute werde ich diese Erinnerungen nicht los

Noch heute quälen mich in regelmässigen Abständen Alpträume. Die Angst, mich nicht gehen lassen zu wollen, unterstreichen diese noch. Nach vielen, schweren Schicksalsschlägen bin ich heute zur IV Rentnerin geworden. Unter anderem leide ich an Depressionen. Nach einer bittertrüben Erfahrung mit einem Menschen wurde ich todkrank, ich bekam die Tuberkulose.

Meine Erfahrungen mit ‹Väterchen Staat› sind nicht die besten. Solange man brav seine Steuern zahlt, oder auf mich zugeschnitten brav seine Rente besteuert, hat man seine Ruhe. Nur, es fragt mich niemand, was ich mache, wie es mir geht – auch gut. Aber mir wird immer wieder gezeigt, oder vorgerechnet, wer ich bin und wo ich in der vielgepriesenen Gesellschaft stehe. Menschen, die unverschuldet im Schatten des Lebens stehen, haben nie eine Chance, sich zu rehabilitieren.

Würde ich konkret den Staat fragen, ob ich überhaupt leben dürfe, wäre sicher die Antwort: Ja, du darfst – aber du solltest nicht. Heute lebe ich sehr zurück gezogen in meiner Wohnung. Nur zu meinem Teddy habe ich eine innige Beziehung, er verlässt und enttäuscht mich nie. Der Freiheitsentzug an sich ist schon schlimm genug und nur schwer zu ertragen. Aber die absolute Rechtlosigkeit und das fremde Verfügen über die eigene Person sind teuflisch. Ich denke, ein anderes Wort wäre untertrieben.

Ich glaube kaum, dass eine Entschuldigung seitens der Behörden etwas an meinen Alpträumen verändern würde. Jedoch, es gilt, kommenden Generationen solche Behördenwillkür an Wehrlosen künftig zu verhindern. Mit einer öffentlichen Entschuldigung wird der Weg frei zu einem Dialog des besseren Verständnisses und des Verzeihens. Fehler sind, oder werden begannen, um daraus zu lernen. Dies ist ein ungeschriebenes Gesetz des Menschen.»